Dieses Arbeitsjournal versammelt Texte aus dem Schreibhaus: Notizen aus der Schreibarbeit, Gedanken zu Literatur, kurze eigene Texte und Hinweise auf Termine. Es ist ein offener Ort – für Fragmente ebenso wie für ausgearbeitete Beiträge, für Lektüren, die nachwirken, und für Fragen, die das Schreiben begleiten. Wer hier liest, begegnet dem Schreiben im Prozess.
Zwischen aktuellen Lektüren, neuen Texten und neuen Räumen wächst dieses Journal langsam weiter — mit den Menschen, Texten und Begegnungen, die daraus entstehen.
Mit meinem Romanprojekt EDDAS HAUS habe ich das Aufenthaltsstipendium der Heinrich von der Haar Literaturstiftung erhalten. Ende Oktober werde ich für zehn Tage nach Stralsund fahren, um dort ausschließlich an meinem Roman zu arbeiten.
Dafür möchte ich mich ganz herzlich bei der Jury und Heinrich von der Haar bedanken!
In EDDAS HAUS geht es um Sprache. Und um das Stottern. Wer mich kennt, weiß, wie sehr mich dieses Thema auch persönlich betrifft und meinen Lebensweg geprägt hat. Umso mehr bedeutet mir diese Auszeichnung, weil das Stipendium literarische Projekte fördert, die sich mit Emanzipation und Befreiung auseinandersetzen.
Seit einiger Zeit beschäftigt mich beim Schreiben immer stärker die Frage: Wie lässt sich Stottern literarisch erzählen? Geschriebene Sprache ist glatt. Sie kennt zunächst kein Zögern, keine Blockade, keine Wiederholung, keinen Blick des Gegenübers, der plötzlich ungeduldig wird. Wie kann ein Text diese Erfahrung sichtbar machen, ohne das Stottern gerade durch seine Verschriftlichung zum Verschwinden zu bringen? An dieser Frage möchte ich während meines Aufenthalts arbeiten.
Und natürlich an Jule. An Edda. An einem Haus an der nordfriesischen Küste und an all den Dingen, über die meine Figuren noch nicht sprechen können.
Im Prolog meines Romans sitzt Jule am Meer und sagt: Ich habe Lust, dem Meer meine Geschichte zu erzählen.
Nun fahre ich selbst ans Meer.
Ich freue mich sehr.
Seit Oktober sind im Schreibhaus vier Arbeiten von Lise Reingruber zu sehen. Lise lebt in Wien, ist bildende Künstlerin und Autorin und arbeitet mit Sprache als künstlerischem Material.
Die ausgestellten Arbeiten gehören zu ihren „Tipp-Ex Gedichten“. Ihr Ausgangspunkt ist denkbar einfach: ein Satz – und eine Suche.
Komm, sag mir, wer spukt in uns herum?
Mit der Liebe in der Jackentasche
Allerdings kann er nichts erwidern
Ich habe immer noch meine Glitzersocken
Was geschieht, wenn einzelne Buchstaben eines Satzes mit Korrekturflüssigkeit überdeckt werden? Welche Wörter kommen zum Vorschein, wenn andere verschwinden? Welche neuen Sätze lassen sich aus dem Verbliebenen bilden – und wann wird aus ihnen ein Gedicht?
Was darf bleiben? Was kann weg?
Lise lässt Sprache dabei nicht nur etwas bedeuten. Sie macht sie sichtbar: Buchstaben verschwinden, Wörter lösen sich auf, Leerstellen entstehen. Der ursprüngliche Satz bleibt noch erkennbar und wird zugleich zu etwas Neuem. Selbst die Abstände auf dem Papier gehören zum Gedicht – als Pausen, als Verzögerungen, vielleicht auch als eine andere Form des Lesens.
In ihren Texten beschäftigt sich Lise mit Mutterschaft, mit den Rollen von Frauen, mit Wut und mit der Frage, welche Sprache sich dafür finden lässt. Sie erfindet Wörter, zerlegt Sätze und arbeitet mit Übersetzungen, Anagrammen und der Gestalt von Sprache auf dem Papier.
In „Ich habe immer noch meine Glitzersocken“ lässt sich dieser Prozess unmittelbar verfolgen. Oben steht der vollständige Satz. Darunter wird er Zeile für Zeile durchlässiger. Buchstaben verschwinden, andere bleiben stehen, neue Verbindungen entstehen. Was fehlt, ist dabei ebenso gegenwärtig wie das, was lesbar bleibt.
Seit Frühjahr dieses Jahres darf ich Lises lyrische Arbeiten als Lektorin begleiten. Ihre Auseinandersetzung mit Sprache und ihren Leerstellen erlebe ich dabei als besonders inspirierend.
Genau darin liegt der Reiz ihrer Arbeiten: Die Leerstelle ist nicht das Ende der Sprache. Sie wird selbst zu einem Teil von ihr.
Was sehen wir, wenn wir eine Landschaft betrachten?
Ein Meer. Einen Horizont. Vielleicht eine Möwe. Wir unterscheiden Himmel und Wasser, Nähe und Ferne. Wir geben dem, was wir sehen, Namen.
Aber keine Landschaft ist unabhängig von dem Bewusstsein, das sie betrachtet.
Die Reihe Kartierungen ist aus meiner Beschäftigung mit Perspektive beim literarischen Schreiben entstanden. Wer sieht? Wer spricht? Wer bewegt sich durch einen Raum? Und was geschieht mit diesem Raum, sobald er durch die Wahrnehmung einer Figur erscheint?
In einem literarischen Text ist Landschaft nie nur Kulisse. Sie wird ausgewählt, benannt, erinnert, mit Bedeutung versehen. Dieselbe Horizontlinie kann Ferne bedeuten oder Fernweh. Ein Meer kann Weite sein, Grenze oder Bewegung.
Und dazwischen liegt die Sprache.
Sie beschreibt nicht nur, was wir wahrnehmen. Sie ordnet, unterscheidet und verändert es. Vielleicht lässt sich deshalb auch nicht eindeutig sagen, was zuerst da ist: die Welt, die wir sehen, oder die Worte, mit denen wir sie sehen.
In den Kartierungen wandern Wörter über eine immer gleiche Meereslandschaft. Sie tauchen auf, wiederholen sich, verändern ihre Position und verschwinden wieder.
Am Ende bleibt ein Wort am Strand zurück:
Bewusstsein.
Vor ihm das Meer.
Kartierungen I–VI
Katarina von Balluseck, 2026
Schreibhaus Berlin · Juni–September 2026
Gemeinsam mit dem WannseeHUB beziehe ich die Räumlichkeiten des ehemaligen Buchladens in Berlin Wannsee. Ab Juni finden dort die Coachings und Schreibwerkstätte statt. Ich freue mich auf intensive Gespräche, Lesungen, Buchbesprechungen und Vernissagen.
Wilhelm Genazino nannte es Materialcontainer. In einen Container lädt man ab, was man nicht mehr mit sich herumtragen kann oder möchte – schwere Möbelstücke, aber auch Nippes, Kleinkram. Wenn ich einen Einkaufszettel schreibe, ist das nichts anderes. Die einfachste Form des Schreibens: Die Gedanken sind aus meinem Kopf und trotzdem da. Jederzeit kann ich es wieder hervorholen und nachsehen, was in diesem Moment gerade in meinem Kopf gewesen ist.
Was ist Schreiben anderes?
Immer wieder interessiert uns die gleiche Frage:
Was versucht ein Text eigentlich zu zeigen — und wodurch gelingt oder verfehlt er es?
Immer wieder interessiert uns die gleiche Frage:
Was versucht ein Text eigentlich zu zeigen — und wodurch gelingt oder verfehlt er es?
Aus „Zehn Regeln für den Romanautor“ von Jonathan Franzen.
Der Leser ist ein Freund, kein Gegner, kein Zuschauer.
Literatur zu schreiben, mit der man sich als Autor nicht auf beängstigendes oder unbekanntes Gelände wagt, lohnt sich höchstens des Geldes wegen.
Benutze nie das Wort dann als Konjunktion – wir haben das und dafür. Dann an dessen Stelle zu setzen ist die aus Faulheit oder Unmusikalität geborene Nicht-Lösung des Problems zu vieler und auf einer Seite
Schreibe in der dritten Person, wenn sich eine wirklich markante Ich-Erzählerstimme nicht unwiderstehlich anbietet.
Wenn Informationen kostenlos und allgemein verfügbar sind, werden umfangreiche Recherchen für einen Roman wertlos.
Autobiographische Literatur im reinsten Sinne des Wortes verlangt reine Erfindung. Niemand hat je eine autobiographischere Geschichte geschrieben als Die Verwandlung
Wenn man ruhig dasitzt, sieht man mehr, als wenn man den Dingen hinterherjagt.
* * *
Es sieht immer so aus, als würde das Wasser am Horizont in die Ferne sinken, während es hier an der Erde leckt und seine Gischt die Wassertropfen bis auf meinen Schoß wirft. Ein Schwarm von Möwen schwebt, ohne einen Flügelschlag zu bemühen, im Sinkflug in Richtung Landzunge. Ich wünschte, ihre Leichtigkeit würde in mich übergehen und mir die Schwere aus den Knochen heben. Doch die Möwen kehren nicht zurück. Ihre Silhouette wird immer kleiner, bis sie einer Bleistiftschattierung auf rauem Papier gleicht. Ferne, Fernweh, Horizont. Ich bilde Wortreihen, wie ich es als Kind immer getan habe und meine Lippen verfolgen den Weg der Silben. Ich spüre, wie sich die Spannung in meinem Kopf aufbaut, ein Kribbeln, als gäbe es einen kleinen elektrischen Schock, doch Westen, Atlantik, Amerika, forme ich lautlos und die Anspannung fällt. Ich muss nichts mehr aussprechen. Allein die Vorstellung, wie viele der Worte notwendig wären, um die Welt zu beschreiben, die mit Westen, Atlantik, Amerika gemeint sein könnte, macht mich müde.
Eine winzig kleine Gestalt taucht am Strand auf. Ein Jogger, der sich in Liekdeich auf den Weg macht und mich frühestens in einer halben Stunde erreichen wird. Er sieht aus wie ein Spielzeugmensch, den ich einfach greifen und versetzen könnte. Ich richte meinen Blick zurück auf das offene Meer. Das Sonnenlicht beginnt sich im Wasser zu spiegeln. Es wird ein sonniger Tag, doch ich lasse ihn erst einmal beiseite. Ich habe Lust, dem Meer meine Geschichte zu erzählen. Als Thomas am frühen Abend nach Hause kam, wird der erste Satz meiner Geschichte lauten. Diese Worte spreche ich jetzt aus, laut und deutlich, und muss an meinen Vater denken, der mir an diesem Ort vor vielen Jahren davon erzählt hat, wie Demosthenes einst seine Sprechangst überwand. Mit Kieselsteinen im Mund sprach er gegen das rauschende Meer an, um einer der bedeutendsten Redner des antiken Griechenlands zu werden. Ich empfinde Zärtlichkeit für diesen Menschen. Doch ich werde keine Kieselsteine in den Mund nehmen. Ich muss auch keine Rhetorikerin werden. Nein, ich habe Zeit, liebes Meer und ich weiß, dass Du sie auch hast.
(Prolog aus einem Roman, der entsteht)
Kurzgeschichte
nächste Termine: 16. Oktober 2026,
07. November, ab 16:00 Uhr
Abschlusslesung · 9. Januar 2027
120€ für die gesamte Werkstattreihe
Die Kurzgeschichte gehört zu den konzentriertesten literarischen Formen. Wir arbeiten an Aufbau, Verdichtung, Perspektive, Sprache.
Anmeldung
kontakt@schreibhaus.berlin
oder über den wannseekalender
Schreibwerkstatt
Zweiter Donnerstag im Monat
nächste Termine: 08. Oktober,
12. November, 16:00 – 19:00 Uhr
45€ pro Termin
Eine offene Werkstatt für literarisch Schreibende. Im Mittelpunkt stehen das eigene Schreiben und der Austausch über entstehende Texte.
Anmeldung
kontakt@schreibhaus.berlin
oder über den wannseekalender
Literaturkreis
nächster Termin 12. November 2026
19:00 – 22:00 Uhr
Teilnahme kostenlos
Für alle, die Literatur lesen und gemeinsam darüber ins Gespräch kommen möchten.
persönliche Anmeldung
kontakt@schreibhaus.berlin